Ohnmächtige Götter - Coaching für die Organisationsentwicklung

Wie können kreative Coachingmethoden in Organisationen wirksam werden? Hier ein aktuelles Beispiel aus der Praxis: Die Mitgliederversammlung eines großen Coachingverbandes beschließt eine Reihe zukunftsweisender Projekte und ist sehr ergebnisreich. Gleichzeitig ist die Atmosphäre von starken Spannungen getrübt. Auf der direkt folgenden Fachtagung zum Thema "Coaching und Improvisation" gelingt es in einem Workshop, die Spannungen aufzuarbeiten und spielerisch neue Impulse für die konstruktive Weiterentwicklung des Verbandes zu erarbeiten. 

Die Methode "Rat der Götter"

Die Teilnehmer/innen des Workshops einigen sich zu Beginn auf ein tages- bzw. organisationsaktuelles, gemeinsames und zur Lösung anstehendes Anliegen. Dann übernehmen sie im zweiten Schritt jeweils eine selbstgewählte Rolle als ein Gott/eine Göttin und betrachten das Anliegen "von oben" also aus einer Meta-Perspektive. Im dritten Schritt versuchen sie im freien und beweglichen Spiel der Kräfte, in Konkurrenz oder Kongruenz, das Anliegen aus ihrer jeweiligen Sicht zu klären. Im vierten Schritt entwickeln sie daraus konkrete, handlungsleitende Botschaften an die "Menschen", also die realen Akteure in der Organisation. Die folgende Auswertung auf persönlicher und Gruppenebene wird abgerundet durch eine Methodenreflexion und eine Reflexion zur Übertragbarkeit in die eigene Praxis.

 

Die Anwendung im konkreten Fall

 

Die Methode wird vorgestellt und angeleitet von Jochen Becker-Ebel. Da neun von zehn Teilnehmer/innen des Workshops am Vortag auf der Mitgliederversammlung anwesend waren, liegt es nahe, sich bei der Wahl des Anliegens für die Klärung der dortigen Situation zu entscheiden. Bei der Wahl der Götter-Rollen entsteht folgende Konstellation: Göttin des Donners / Gott der Klarheit / Göttin der Farbe / Gott der Distanz / Göttin der Sprache / Gott des Krieges / Göttin des Friedens / Göttin des Tanzes / Gott der Achtsamkeit / Götterbote Hermes. 

 

In einer ersten Runde fallen Spontanbotschaften an die Menschen, z.B. "So geht das nicht, hört auf damit!"/ "Nehmt euch nicht so wichtig!" / "Schaut genauer hin!" / "Sprecht euren Ärger offen aus!" / "Ihr habt getanzt. Es wurde um die Frage gerungen, wer führt." Danach gehen die Götter miteinander in den offenen Dialog, gruppieren sich dabei immer wieder neu im Raum,  landen schließlich wie von selbst in einem Kreis und kommen relativ schnell zu einer gemeinsamen Einschätzung der Ist-Situation:

 

Situationsanalyse

Die Mitgliederversammlung war außerordentlich ergebnisreich und brachte wichtige Projekte und Beschlüsse auf den Weg. Gleichzeitig waren starke Dissonanzen und Spannungen spürbar, die atmosphärisch als unangenehm und stark beeinträchtigend erlebt wurden. Aus der Metaperspektive wurde deutlich, dass kraftvolle ungelöste Konflikte persönlicher und konzeptioneller Art existieren, deren Thematisierung und Lösung bislang meistens zugunsten der Sach- und Ergebnisorientierung vermieden bzw. verschoben wurde. Dies war auch an der Kommunikation bzw. Nichtkommunikation der Vorstandsmitglieder untereinander wahrzunehmen. 

 

Ergebnis - die Botschaft der Götter

Der Kreis der zehn unterschiedlichen Götter formuliert eine gemeinsame Botschaft und beauftragt Hermes, sie insbesondere den Vorstandsmitgliedern zu überbringen:

 

Sprecht die Konflikte offen an, sonst vergiften sie weiter die Atmosphäre und machen die Arbeit an der Sache sehr mühsam. Scheut euch nicht auch Ärger auszusprechen, sonst kann er nicht überwunden werden. Legt einander eure Positionen klar und teilt einander mit, wie ihr arbeiten möchtet und wie nicht. Zeigt euch eure unterschiedlichen Farben und erkennt sie gegenseitig an. Seht die Farben wie sie sind, nicht wie ihr sie deutet. Prüft, welche Farben wie zusammen passen. Nehmt die Situation an wie sie ist, seht sie als Tanz statt als Kampf und  habt mehr Vertrauen.

 

Die Ohnmacht der Götter

Hermes greift die Botschaften auf und wirft die Frage von Macht und Ohnmacht auf. Götter erscheinen mächtig und die Teilnehmer/innen fühlen sich in der Götterrolle tatsächlich ein wenig mächtiger als sonst. Tatsächlich sind sie ohnmächtig, denn sie können nur Empfehlungen geben und können nichts davon durchsetzen. Der Workshop-Leiter Jochen Becker-Ebel gibt dem eine positive Wendung: Gerade ohnmächtige Götter sind wirksamer als vermeintlich Mächtige. Sie müssen darauf vertrauen, dass ihre Botschaften wirken und von den Menschen beherzigt werden. 

 

Hilfreiche Leitlinien dabei sind das grundlegende Kommunikationsprinzip Prinzip: "Ja - und" statt "Ja - aber" sowie das Vertrauen auf Kontrolle durch Selbstkorrektur (Frederic Laloux: Reinventing Organizations, S.145.)

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